Deutsche Momentaufnahmen im Februar 2020

Der Alltag meiner Blogbeiträge wurden letzte Woche von zwei Ereignissen eingeholt, die einer Momentaufnahme bedürfen.

Das eine betrifft das Land Thüringen, das einen Ministerpräsidenten aus der FDP mit den Stimmen der AfD aufgestellt hat. Der Kandidat namens Thomas Kemmerich ist unter großem Protest von allen Seiten der demokratischen Gesellschaft ein Tag später zurückgetreten. Es werden mit großer Wahrscheinlichkeit Neuwahlen ausgeschrieben werden.

Wie diese Katastrophe zustande kommen konnte, ist mir ein Rätsel, trotz der zahlreichen Stellungnahmen von Politiker, die diesen Sachverhalt zu erklären versuchten. Ein Post auf Twitter von @HolgSimon schien mir interessant, weil es den historischen Aspekt beleuchtete: „Nahezu auf den Tag genau vor 90 Jahren wurde mit der Baum-Frick-Regierung in #Thüringen die erste deutsche Landesregierung unter Beteiligung der NSDAP gewählt. Wie geschichtsvergessen muss man sein. #WehretdenAnfaengen“. Den Post von @ralphruthe habe ich behalten, weil es in der Art der Cartoons eine Sprechblase mit einer Frage an die immer aktuelle IT-Abteilung veröffentlicht: „Hallo, IT-Abteilung? Was mache ich, wenn sich ein altes Programm von selbst wieder startet?“

Das zweite Ereignis ist das sich ausweitende Streitgespräch über die neue Museumsdefinition des ICOM.

Vor einigen Tagen, am 30. Januar 2020, fand in Berlin im Jüdischen Museum eine Debatte zur neuen Museumsdefinition des ICOM statt. Danach erschienen in verschiedenen Medien mehrere Beiträge zum Streitgespräch unter anderem in der FAZ von Patrick Bahners – https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/streit-um-den-museumsbegriff-im-weltverband-der-museen-16613815.html -, in der Die Welt von Marcus Wöller – https://www.welt.de/kultur/kunst/plus205570509/Bunkermentalitaet-Wie-die-deutschen-Museen-den-Anschluss-verlieren.html – und von Anabel Roque Rodríguez im Magazin von thurgaukultur.ch – https://www.thurgaukultur.ch/magazin/wozu-brauchen-wir-heute-noch-museen-4278.

Die alte und aktuelle Definition von Museum stammt von 2007, von der 22. Generalkonferenz des ICOM in Wien und lautet:

„A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.“

Die neue Definition wurde im vergangenen Jahr 2019 in Kyoto (25. ICOM Generalkonferenz) und besagt:

„Museums are democratising, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people.

Museums are not for profit. They are participatory and transparent, and work in active partnership with and for diverse communities to collect, preserve, research, interpret, exhibit, and enhance understandings of the world, aiming to contribute to human dignity and social justice, global equality and planetary wellbeing.“

Es ist offensichtlich, dass die neue Museumsdefinition die tiefgreifenden Veränderungen der Institution „Museum“ berücksichtigt und zukunftsweisend ist. Es bleibt die Frage offen, nach welcher Museumsdefinition sich der Deutsche Museumsbund orientiert hat, als es den neuen Leitfaden „Professionell arbeiten im Museum“ von Ende 2019 herausgebracht hat? Leider unter der bisherigen Adresse – (https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2019/12/dmb-leitfaden-arbeiten-online.pdf) – nicht mehr einsehbar, aber als Echo erwähnt in dem offenen Brief des Bundesverbandes freiberuflicher Kulturwissenschaftler vom 10. Januar 2020 – https://www.b-f-k.de/pdf/pdf2020/protestbrief-dmb-10-01-2020.pdf.

Die nächste Debatte ist für den 20. März 2020 in Hamburg, im Museum der Arbeit angekündigt. Vgl. https://icom-deutschland.de/de/component/content/category/11-veranstaltungen.html

Wirre Zeiten

Am 9. und 10. Januar d.J. fand in Wien, in der Österreichischen Galerie Belvedere, eine Tagung unter dem Titel „Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter“ statt. Wie seit Jahren bei solchen Veranstaltungen schon üblich berichteten die Teilnehmer per Twitter von der Tagung und hielten so die Community auf dem Laufenden mit den neuesten Vorträgen zum Thema. Weil die Sprache von Twitter – nach eigener Einschätzung – etwas kryptisch ist, konnte ich mich mehr schlecht als recht über die Tagung informieren. Schlußfolgerung war: entweder man ist dabei, oder man lässt es bleiben, sonst versteht man – wenn überhaupt – nur die Hälfte.

Auf jeden Fall, war einer der Teilnehmer, der twitterte, Max Westphal, @_omwo, und ich versuchte, dem zu folgen. Seinen Beitrag schloss er am 9. Januar, nach dem Vortrag von Prof.Dr. Holger Simon mit dem Satz: „Letztendlich: für mehr Gelassenheit bei der Orientierung im stets wirren digitalen Zeitalter.“ Mir gefiel dieser Satz, der viel über die Zeit aussagt, in der wir uns befinden, und es gelang mir, ihn im Nachhinein auf Twitter wiederzufinden und per Tweet zu sichern.

Er sagt alles, auch über einen Beginn der Anwesenheit im Netz, so wie zum Beispiel mit diesem Blog. Man meldet sich an, man zahlt verschiedene Gebühren, man schreibt hinein in die Leere, oder in einen Raum, in dem potentiell alle anwesend sind und keiner und man versucht, irgendwie mit den Ereignissen auf dem Laufenden zu bleiben und es gelingt nur sehr bedingt. Alles, was man heute unternimmt, muss irgendwie mit dem digitalen Netz in Verbindung sein.

Dabei spielt sich noch sehr viel im analogen Raum ab. Wie beide auf einen Nenner zu bringen, ist ein Rätsel, aber gewiss ist, dass Gelassenheit hilft. Man kann nicht mehr lückenlos alles berücksichtigen, vieles läuft parallel und man erfährt es nur per Zufall. So fand ich es sehr interessant, dass während ich an dem Blog souvenir & papier bastele, in London, an der Royal Academy of Art, eine Ausstellung zu Pikasso und Papier stattfindet. Es sind viele Collagen dabei und andere Schnittarbeiten, die ihn mit Sicherheit faszinierten.

Irgendwie bleiben die wichtigen Themen in der Kunst (wie im Leben) immer die gleichen und trotz des Irrens durch digitale und analoge Räume findet man sie immer wieder neu.

Vom 25. Januar bis 13. April für alle, die Interesse daran haben: https://www.royalacademy.org.uk/exhibition/picasso-and-paper