Martin Engelbrecht (1684-1756) aus Augsburg

Das Buch über die Vorgänger der modernen Collage, das ich mir vor ein paar Wochen zugelegt habe, widmet eine lange Passage dem Unternehmer Martin Engelbrecht aus Augsburg, der mindestens 3375 Ausschneideblätter herausgebracht zu haben scheint.

„Die Tatsache, dass es bereits vereinzelte Ausschneidebilderbogen gab, war vielleicht der letzte Anstoss für ihn, Allerleibogen herauszugeben, von denen eine Folge ausdrücklich im Titel den erklärenden Hinweis trägt ’nach jetziger beliebter Art zum Ausschneiden dienlich‘. (Schott Nr. 3160-65). Thematisch sind sie schon in seiner umfangreichen Serie von Ornamentstichen vorgebildet, die Architekten, Gärtner, Ebenisten, Goldschmieden, Möbelmalern etc. als Vorlagen dienten und fleißig kopiert wurden. Man musste nur noch, wo es anging, diesen Übertragungsvorgang ausschalten – warum einen Reiter noch einmal abmalen, wenn er im Stich schon so schön wiedergegeben ist – und schon war der Ausschneidebogen zur Auszier geboren.“ (Metken 1978, S. 102)

Die Entstehung des Ausschneidebogens grenzt die Autorin zwischen 1719 und 1756 ein. Nach seinem Tod bestand die Firma noch bis 1827, doch wurden wahrscheinlich „vor allem die alten Blätter weiter aufgelegt“. (Metken 1978, S. 102)

Die Themen dieser kolorierter Bögen entsprachen dem Geschmack des Rokoko-Zeitalters und reichten von der Götterwelt der Barockoper über Berufsallegorien und Jagdszenen bis zur Architektur und Schäferszenen. (Metken 1978, S. 114-117)

Der obere Ausschneidebogen zeigt eine typische Idyllle der Rokoko-Zeit. Ein junger Mann auf einem Erdhügel spielt ein Jagdhorn, während sein Hund mit einem Schäfermädchen tanzt. Zahlreiche akkurat abgedruckte Schmetterlinge und Mücken bevölkern den Himmel und verkünden gleich der Baumwelt das Frühjahr.

Auf dem zweiten Bild sieht man Bauern bei der Arbeit rund ums Jahr. Holzfäller, Säer, Heuwagen, Getreidewagen, Obstlese sind säuberlich in kleinen Szenen geordnet und dienten vermutlich der Zierde verschiedener Möbelstücke.

Szenen einer vornehmen Gesellschaft in einem barocken Lustgarten zeigt der obere Bogen; der untere – Gestalten einer volkstümlichen Aufführung des Barock mit Pfingstensängern und den Heiligen Drei Königen.
Jagdszenen mit Windhunden, Hirsch und Reh, Fuchs und Hase sowie den Jägern mit Pferd bzw. mit Spürhund.
Die Arche Noah mitVogelpaaren, darunter auch Sträuße, Rind-, Hirsch-, Panther-, Dromedar-, Hasen-, Elefanten-, Bärenpaaren. Eine zeitgemäße Darstellung der Arche als Holzkonstruktion zwischen Boot und Haus, ein Hausboot des frühen 18. Jahrhunderts.
Ein ganzes Dorf wohl an einem Feiertag wurde hier abgebildet, wobei in der Mitte die Dorfkirche steht, zu der eine Prozession führt.
Die Schäferszene zeigt einen jungen Mann, der auf einer Querflöte für eine verträumte, lächelnde Schäferin spielt. Verschiedene Baumarten, Libellen, Vogel, Hund und Schafe heitern die Szene zusätzlich auf.

All diese Bilder schmückten Mobiliar und exotische Wunderkammern im Zeitalter des späten Barock und des Rokoko. Der sehr weite Themenspektrum eignete sich hervorragen dafür, die große weite Welt in den intimen Raum mit Kuriositäten einer Barockresidenz oder eines städtischen Appartements zu bringen.

Solche Arbeiten „haben allerdings die Zeit besonders selten überdauert“, schreibt Sigird Metken. „Vom ‚Indianischen Lackkabinett‘ in Schloss Brühl, das am 10. Oktober 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, ist wenigstens eine detaillierte Beschreibung erhalten. Kurfürst Clemens August von Köln, der Erbauer von Augustusburg, ließ die Hauptfelder der mit einem weißlackierten Kreidegrund überzogenen Lindenholztäfelung seines Exotenzimmers zwischen 1728 und 1730 mit einem heitren Klebeschmuck aus zerschnitzelten kolorierten Kupferstichen dekorieren. Nur die 24 Sockelfelder des Kabinetts wurden später mit Chinoiserien bemalt. Der Hauptanteil der aus Naturkundewerken, Ornamentstichfolgen und Einzelblättern geschnittenen Motive wurde dem 1705 in Amsterdam verlegten Kupferstichwerk Metamophosis insectorum Surinamensium der Maria Sibylla Merian (1647-1717) entnommen. (…) Auf dem spiegelnd weissen Untergrund erinnerten die fremdländischen und einheimischen Blumenbuketts, die Früchte, Schmetterlinge, Insekten, fliegenden Vögel und einige Chinesen an die gleichzeitig so geschätzten Lackmöbel und an europäische Porzellanmalereien, wie sie wenig später von Meißen aus Verbreitung finden sollten.“ (Metken 1978, S. 106)

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