Zur Digitalisierung

Anfang der 2000er Jahre hatte ich das Glück in München an der Universität bei einem Professor zu studieren, der sich sehr für die Digitalisierung einsetzte und es heute noch tut. Ich habe lange Zeit damit gehadert und war auch nicht so entschlossen, mir diesen Bereich unseres Alltags anzueignen, muss aber im Nachhinein zugeben, dass es eine große Chance war, damit vertraut zu werden. Auch wenn ich es nicht wollte, ist vieles „hängen geblieben“ und ich kann heute wieder einsteigen, die Erneuerungen nachvollziehen, selber einiges dazu lernen.

Einen wichtigen Satz, den ich mir von meinem Doktorvater merkte, war, dass die Digitalisierung auch den analogen Raum voranbringt. Digital und analog schließen sich demzufolge nicht aus, sondern steigern sich gegenseitig. Diese Erfahrung habe ich von Anfang an gemacht und sehe heute auch meine Arbeiten in der Technik der Collage zum Teil als Folge der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. So oft und so viel ich zum Laptop und zum Internet zurückkehre, umso mehr zieht es mich dahin, mich mit konkretem Material, mit Bildern und Formen zu arbeiten.

Ich habe noch nie Collagen am Computer erprobt, aber die Leichtigkeit mit der man digital Bilder zersetzen, verändern, zusammenstellen kann, habe ich erfahren. Zugegebenermaßen fehlt mir dabei die Kontrolle über die Farben und Formen. So leicht, wie etwas auf dem Bildschirm entsteht, ist es auf der Leinwand oder auf Karton nicht. Der Widerstand der Dinge im analogen Raum ist mir bewusster und wichtiger geworden. Wahrscheinlich wäre ich ohne diese Erfahrung nicht auf den Gedanken gekommen Fotos in Collagen zu verarbeiten, das Ganze in Details zu zerlegen und die einzelnen Fragmente, wie eigenständige Blöcke zu betrachten und neu zusammen zu setzen.

Was ich in meinen Collagen erprobe, ist nicht das Fließende, Harmonische und Dekorative, sondern das Gegenständliche, der Bruch, das neue Zusammenspiel der Formen und Farben. Vielleicht lässt sich das auch im digitalen Raum erzielen oder etwas anderes, was von dieser Phase meiner Arbeit weiterführt. Mit Sicherheit werde ich es erproben, das Fragment, den Stilbruch in neue Erscheinungsformen zu bringen. Die Digitalisierung hat erst richtig angefangen und wartet darauf, neue Wege zu gehen auch oder vor allem mit Künstlern.

Deutsche Momentaufnahmen im Februar 2020

Der Alltag meiner Blogbeiträge wurden letzte Woche von zwei Ereignissen eingeholt, die einer Momentaufnahme bedürfen.

Das eine betrifft das Land Thüringen, das einen Ministerpräsidenten aus der FDP mit den Stimmen der AfD aufgestellt hat. Der Kandidat namens Thomas Kemmerich ist unter großem Protest von allen Seiten der demokratischen Gesellschaft ein Tag später zurückgetreten. Es werden mit großer Wahrscheinlichkeit Neuwahlen ausgeschrieben werden.

Wie diese Katastrophe zustande kommen konnte, ist mir ein Rätsel, trotz der zahlreichen Stellungnahmen von Politiker, die diesen Sachverhalt zu erklären versuchten. Ein Post auf Twitter von @HolgSimon schien mir interessant, weil es den historischen Aspekt beleuchtete: „Nahezu auf den Tag genau vor 90 Jahren wurde mit der Baum-Frick-Regierung in #Thüringen die erste deutsche Landesregierung unter Beteiligung der NSDAP gewählt. Wie geschichtsvergessen muss man sein. #WehretdenAnfaengen“. Den Post von @ralphruthe habe ich behalten, weil es in der Art der Cartoons eine Sprechblase mit einer Frage an die immer aktuelle IT-Abteilung veröffentlicht: „Hallo, IT-Abteilung? Was mache ich, wenn sich ein altes Programm von selbst wieder startet?“

Das zweite Ereignis ist das sich ausweitende Streitgespräch über die neue Museumsdefinition des ICOM.

Vor einigen Tagen, am 30. Januar 2020, fand in Berlin im Jüdischen Museum eine Debatte zur neuen Museumsdefinition des ICOM statt. Danach erschienen in verschiedenen Medien mehrere Beiträge zum Streitgespräch unter anderem in der FAZ von Patrick Bahners – https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/streit-um-den-museumsbegriff-im-weltverband-der-museen-16613815.html -, in der Die Welt von Marcus Wöller – https://www.welt.de/kultur/kunst/plus205570509/Bunkermentalitaet-Wie-die-deutschen-Museen-den-Anschluss-verlieren.html – und von Anabel Roque Rodríguez im Magazin von thurgaukultur.ch – https://www.thurgaukultur.ch/magazin/wozu-brauchen-wir-heute-noch-museen-4278.

Die alte und aktuelle Definition von Museum stammt von 2007, von der 22. Generalkonferenz des ICOM in Wien und lautet:

„A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.“

Die neue Definition wurde im vergangenen Jahr 2019 in Kyoto (25. ICOM Generalkonferenz) und besagt:

„Museums are democratising, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people.

Museums are not for profit. They are participatory and transparent, and work in active partnership with and for diverse communities to collect, preserve, research, interpret, exhibit, and enhance understandings of the world, aiming to contribute to human dignity and social justice, global equality and planetary wellbeing.“

Es ist offensichtlich, dass die neue Museumsdefinition die tiefgreifenden Veränderungen der Institution „Museum“ berücksichtigt und zukunftsweisend ist. Es bleibt die Frage offen, nach welcher Museumsdefinition sich der Deutsche Museumsbund orientiert hat, als es den neuen Leitfaden „Professionell arbeiten im Museum“ von Ende 2019 herausgebracht hat? Leider unter der bisherigen Adresse – (https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2019/12/dmb-leitfaden-arbeiten-online.pdf) – nicht mehr einsehbar, aber als Echo erwähnt in dem offenen Brief des Bundesverbandes freiberuflicher Kulturwissenschaftler vom 10. Januar 2020 – https://www.b-f-k.de/pdf/pdf2020/protestbrief-dmb-10-01-2020.pdf.

Die nächste Debatte ist für den 20. März 2020 in Hamburg, im Museum der Arbeit angekündigt. Vgl. https://icom-deutschland.de/de/component/content/category/11-veranstaltungen.html