Eine Papiermühle im Bergischen

Anfang des Jahres 1999 hatte ich mein Magister in Kunstgeschichte an der Universität Köln abgelegt und war auf der Suche nach einer Arbeit. Ich fand eine Stelle als Museumsführerin an einem damals neu eröffneten Papiermuseum in Bergisch Gladbach. Die Papiermühle Alte Dombach ist heute Teil des LVR-Industriemuseums. https://industriemuseum.lvr.de/de/startseite.html Ich arbeitete dort nur kurze Zeit und war seither auch nicht mehr in der Region, aber geblieben ist die Liebe fürs Papierschöpfen.

Ich erinnere mich noch ganz gut an die schön gestalteten Räume der alten Papiermühle und an die Dauerausstellung mit der Geschichte der Papierherstellung. Am liebsten hatte ich natürlich die Schöpfbütte, an der ich selber den Besuchern zeigen konnte, wie man Papier schöpft. Über dieses Verfahren der Papierschöpfung Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Dr. Sabine Schachtner:

„Als Schöpfbütten dienten große runde oder ovale hölzerne Becken, die über eine Frischwasserzuleitung verfügten und häufig beheizbar waren. Über der Bütte lag ein Steg mit dem ‚Esel‘, an den der Schöpfer die Siebe mit den frischen Bögen lehnte. Zum Abtropfen der Formen und als Spritzschutz konnte die Bütte auch mit einem breiten Rand versehen sein. In vielen Papiermühlen gab es einen ‚Schöpfstuhl‘, eine Verbretterung, die vor spritzendem Brei schützte. Der Schöpfer arbeitete Hand in Hand mit dem ‚Gautscher‘, der die Bögen vom Sieb abdrückte (‚abgautschte‘), jeweils mit einem ‚Filz‘ bedeckte und das Sieb zurückgab. Auch der Gautscher stand zum Schutz vor Nässe häufig hinter einer Holzverkleidung, dem ‚Gautschstuhl‘. Bei den Filzen handelte es sich um gerauhte Wolltücher, die durch eine Behandlung mit Pflanzensud vor dem Faulen geschutzt worden waren.“

Schachtner, S.: Die Papiermacherei und ihre Geschichte in Bergisch Gladbach. Bergisch-Gladbach, 1990, S. 18.

Zum Schöpfen von Papier habe ich heute natürlich keine Bütte, sondern eine Wanne und statt Hadern (Stoffreste) ist der Papierbrei aus Zelulose. Aber Sieb und Filztücher sind ähnlich geblieben, auch wenn etwas kleiner – Format DIN A5, und das Verfahren ist auch das Gleiche: Schöpfen, Gautschen, Pressen, Legen. Mich interessiert auch, in der Struktur des Papiers die Zeit, in der es entstand zu dokumentieren. Indem ich Zeitungsreste mit in die Papiermasse mische, bleibt jedes Blatt ein Unikat und kann theoretisch einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Ereignis in der Zeit zugeordnet werden. Zur Zeit arbeite ich Stücke einer chinesischen Zeitung aus dem Jahr 2016 von einem chinesischen Markt in Montréal ein.

So ist das Blatt Papier in seiner Struktur schon eine Collage und dient mir zur Anfertigung von Tusche- und Aquarellarbeiten, wenn ich gerade mal nicht mit Kunstgeschichte beschäftigt bin.

Handgeschöpftes Papier, Zelulose und Zeitung, um 2018.

Fotocollagen

erstelle ich seit ein paar Jahren unter anderem mit der Absicht, Erinnerungen möglichst genau zu dokumentieren. Irgendwann vor Jahren habe ich nach Reisen festgestellt, dass mit der Zeit, die Erinnerungen verblassen und die Fotos, die man mitgenommen hat, diesen Schatz ersetzen. Man hält dann ein beliebiges Stück Papier in der Hand und kann sich damit eigentlich nicht mehr identifizieren

Sicher gibt es auch Bilder, die in einzigartigen Weise einen Moment festhalten können, der alles andere übertrifft, was man gesehen oder erlebt hat. Das sind seltene Fotos, die selbst geübten Fotografen schwer gelingen. Wenn man dann auch keine besondere Kamera und Objektive mit sich führt, ist es eigentlich eher unwahrscheinlich, dass man Fotos schießen kann, die in exemplarischer Weise eine Erinnerungsstütze bilden.

Ich habe dann angefangen, meine digitalen Fotos auszudrucken, zu zerschneiden und wieder zusammen zu stellen. Eine neue Ordnung entstand so, die näher an meinen Erinnerungssplitter war. Ein Baum, neben einem Fenster, blauer Himmel oder Wolke, ein Stück Wasser und Teile von Architektur. Diese Landschaften begleiten seither meine Reisen und ich bin froh, ein Stück „unverfälschter“ Erinnerung – soweit es diese geben kann – in den Händen zu halten.

Jedes Detail löst eine Fülle von gedanklichen Assoziationen aus und öffnet konkret – in farblicher oder kompositioneller Verbindung mit den anderen Stücken Fotografie – immer weitere Facetten der Erinnerung. Gelesenes, Erlebtes, Gesehenes aus anderen Zeiten, von anderen Orten treten hinzu und entfalten eine Vielzahl von möglichen Bildern, die aus der Vergangenheit in die Zukunft „gerettet“ werden können.

Ich lade sie ein, einige dieser Bilder zu betrachten und – wieso nicht? – selber zu versuchen. Die Gegenwart lebt aus vielen Bildern, die in Collagen den besten Ausdruck der eigenen Innenwelt darstellen. Die neue Ordnung, die man – mit Hilfe von Technik oder abseits des Digitalen, im analogen Raum mit Schere und Klebstoff auf Leinwand oder Karton – erstellt, ist ein Abbild des ganz persönlichen emotionalen und gedanklichen Abdrucks in dieser Welt.

Kölner Dom und Umgebung im Frühjahr 2019