E.H. Gombrich (1909-2001) über die Collage bei Kurt Schwitters (1887-1948)

„Jeder von uns, der alt genug ist, erlebt zu haben, wie aus Gegenwart Vergangenheit wird, weiß, wie sehr sich mit wachsender Erfahrung die Konturen verändern. Das letzte Kapitel dieses Buches enthält ein gutes Beispiel dafür. Während ich die Seiten über Surrealismus schrieb, ahnte ich nicht, dass ein älterer deutscher Emigrant, dessen Werk in der Folge an Bedeutung gewinnen sollte, damals noch im englischen Lake District lebte und arbeitete. Ich spreche von Kurt Schwitters (1887-1948), der damals für mich bloß ein sympathischer Eigenbrötler der zwanziger Jahre war. Schwitters nahm gebrauchte Fahrkarten, Stücke aus alten Zeitungen, Stoff-Fetzen und was ihm sonst an wertlosem Zeug unterkam und machte daraus amüsante und oft auch geschmackvolle Montagen. Seine Weigerung, mit normalen Farben auf normaler Leinwand zu malen, stand im Einklang mit einer extremen Richtung, die in Zürich während des Ersten Weltkrieges entstanden war.“

(Gombrich, E.H., Die Geschichte der Kunst. 16. Auflage, Phaidon Verlag, Berlin 1995, S. 600-601.)

Kurt Schwitters, Unsichtbare Tinte, 1947, Collage auf Papier, 25,1 x 19,8 cm. Im Nachlass des Künstlers. In: Gombrich, Die Geschichte der Kunst, a.a.O., S. 601, Abb. 392.

Im Folgenden schreibt der Kunsthistoriker über die Dada-Bewegung, deren Künstler danach strebten, „zu werden wie die Kinder“ und „Gleichzeitig machte es ihnen auch Spaß, den feierlichen Kult, der mit der Kunst getrieben wird, zu persiflieren.“ Der kohärente Diskurs eines traditionellen Gemäldes wird in einzelnen „Satzteilen“ gegliedert und neu zusammengestellt. „Unsichtbare Tinte“ wird dieses Bild genannt, nach den aus einer Zeitung herausgeschnittenen und an prominenter Stelle auf der bidimensionalen Fläche geklebtes Fragment. Zerstückelte Fahrkarten, farbiges und vergilbtes Papier, Werbung, und weitere Zeitungsausschnitte formen eine Komposition, die von Harmonie nicht frei ist, die jedoch, als sie entstand, mit Sicherheit als „extrem“ angesehen wurde. So verschmiert, überschrieben und unvollständig, konnte ein Kunstwerk keinen Zugang in ein Museum finden. Dem Kunsthistoriker erschien es zu Recht „paradox“ die „Hervorbringungen (dieser Kunst, m.A.) mit demselben tierischen Ernst zu behandeln, gegen den sie aufbegehrten.

In Zeiten der Coronakrise…

… bin ich nicht mehr dazugekommen, neue Beiträge zu erstellen. Es ist im Moment so viel in den sozialen Medien los und man hat alle Hände voll zu tun, um informiert zu bleiben. Es ändert sich viel in der digitalen Welt und die Neuerungen bei den Museen vor allem sind beträchtlich.

Ich habe eine Collage (1922) von László Moholy-Nagy (1895-1946), die mir interessant schien, von Wikimedia Commons kopiert. Ich habe nicht alle Informationen zu dem Bild, aber es ist offensichtlich zum Thema der deutschen Inflation von 1914 bis 1923 entstanden. Eine aufmerksame Betrachtung lohnt sich, um den Diskurs des Autors zu verfolgen.

Der Künstler hat auf einem schwarz-weißen Hintergrund Fragmente von wertlosem Papiergeld zusammengestellt. Die Worte „Mark“, „Milliarden“, „Tausend“, „ohne“, Million“, „Geld“, „Reichsba(nk)“und die Zahl „25“ sind deutlich erkennbar. Der Kopf und die Krallen eines Greifvogels (Adler?) treten in der oberen Hälfte zum Vorschein als eiziges figuratives Element. Sie überschneiden die schwarze Silhoutte eines Mannes mit Hut, der aus der unteren Hälfte des Bildes herauschgeschnitten und seitenverkehrt angebracht zu sein scheint. An der Schulter der weißen Figur – ein kleiner, grauer Vogel im freien Fall. Eine Architekturplastik in schwarz-weiß ergänzt in der rechten oberen Hälfte die geometrische Anordnung einiger Wörter. Es ist das einzige „Gewicht“ der Collage. Wie Flicken eines Kleidungsstücks bedecken die Fragmente mit der Zahl „25“ den Mantel des dunklen Mannes und fallen über die helle Silhoutte zum unteren Rand des Bildes. Die detaillose, schwarze Umrissfigur auf weißem Hintergrund bringt ein geheimnisvolles und zugleich bedrohliches Element in die Komposition. Ein Händler vielleicht auf dem Schwarzmarkt von damals? Auf jeden Fall bringt seine Position mit der Schwere oberhalb der leichteren, weißen (und zugleich leeren) Figur das Gleichgewicht des Ganzen ins Schwanken. Nichts scheint die Ausschnitte zusammen bringen zu können, nichts die Flüchtigkeit und damit die Unsicherheit in diesem Bild aufzuhalten.

Martin Engelbrecht (1684-1756) aus Augsburg

Das Buch über die Vorgänger der modernen Collage, das ich mir vor ein paar Wochen zugelegt habe, widmet eine lange Passage dem Unternehmer Martin Engelbrecht aus Augsburg, der mindestens 3375 Ausschneideblätter herausgebracht zu haben scheint.

„Die Tatsache, dass es bereits vereinzelte Ausschneidebilderbogen gab, war vielleicht der letzte Anstoss für ihn, Allerleibogen herauszugeben, von denen eine Folge ausdrücklich im Titel den erklärenden Hinweis trägt ’nach jetziger beliebter Art zum Ausschneiden dienlich‘. (Schott Nr. 3160-65). Thematisch sind sie schon in seiner umfangreichen Serie von Ornamentstichen vorgebildet, die Architekten, Gärtner, Ebenisten, Goldschmieden, Möbelmalern etc. als Vorlagen dienten und fleißig kopiert wurden. Man musste nur noch, wo es anging, diesen Übertragungsvorgang ausschalten – warum einen Reiter noch einmal abmalen, wenn er im Stich schon so schön wiedergegeben ist – und schon war der Ausschneidebogen zur Auszier geboren.“ (Metken 1978, S. 102)

Die Entstehung des Ausschneidebogens grenzt die Autorin zwischen 1719 und 1756 ein. Nach seinem Tod bestand die Firma noch bis 1827, doch wurden wahrscheinlich „vor allem die alten Blätter weiter aufgelegt“. (Metken 1978, S. 102)

Die Themen dieser kolorierter Bögen entsprachen dem Geschmack des Rokoko-Zeitalters und reichten von der Götterwelt der Barockoper über Berufsallegorien und Jagdszenen bis zur Architektur und Schäferszenen. (Metken 1978, S. 114-117)

Der obere Ausschneidebogen zeigt eine typische Idyllle der Rokoko-Zeit. Ein junger Mann auf einem Erdhügel spielt ein Jagdhorn, während sein Hund mit einem Schäfermädchen tanzt. Zahlreiche akkurat abgedruckte Schmetterlinge und Mücken bevölkern den Himmel und verkünden gleich der Baumwelt das Frühjahr.

Auf dem zweiten Bild sieht man Bauern bei der Arbeit rund ums Jahr. Holzfäller, Säer, Heuwagen, Getreidewagen, Obstlese sind säuberlich in kleinen Szenen geordnet und dienten vermutlich der Zierde verschiedener Möbelstücke.

Szenen einer vornehmen Gesellschaft in einem barocken Lustgarten zeigt der obere Bogen; der untere – Gestalten einer volkstümlichen Aufführung des Barock mit Pfingstensängern und den Heiligen Drei Königen.
Jagdszenen mit Windhunden, Hirsch und Reh, Fuchs und Hase sowie den Jägern mit Pferd bzw. mit Spürhund.
Die Arche Noah mitVogelpaaren, darunter auch Sträuße, Rind-, Hirsch-, Panther-, Dromedar-, Hasen-, Elefanten-, Bärenpaaren. Eine zeitgemäße Darstellung der Arche als Holzkonstruktion zwischen Boot und Haus, ein Hausboot des frühen 18. Jahrhunderts.
Ein ganzes Dorf wohl an einem Feiertag wurde hier abgebildet, wobei in der Mitte die Dorfkirche steht, zu der eine Prozession führt.
Die Schäferszene zeigt einen jungen Mann, der auf einer Querflöte für eine verträumte, lächelnde Schäferin spielt. Verschiedene Baumarten, Libellen, Vogel, Hund und Schafe heitern die Szene zusätzlich auf.

All diese Bilder schmückten Mobiliar und exotische Wunderkammern im Zeitalter des späten Barock und des Rokoko. Der sehr weite Themenspektrum eignete sich hervorragen dafür, die große weite Welt in den intimen Raum mit Kuriositäten einer Barockresidenz oder eines städtischen Appartements zu bringen.

Solche Arbeiten „haben allerdings die Zeit besonders selten überdauert“, schreibt Sigird Metken. „Vom ‚Indianischen Lackkabinett‘ in Schloss Brühl, das am 10. Oktober 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, ist wenigstens eine detaillierte Beschreibung erhalten. Kurfürst Clemens August von Köln, der Erbauer von Augustusburg, ließ die Hauptfelder der mit einem weißlackierten Kreidegrund überzogenen Lindenholztäfelung seines Exotenzimmers zwischen 1728 und 1730 mit einem heitren Klebeschmuck aus zerschnitzelten kolorierten Kupferstichen dekorieren. Nur die 24 Sockelfelder des Kabinetts wurden später mit Chinoiserien bemalt. Der Hauptanteil der aus Naturkundewerken, Ornamentstichfolgen und Einzelblättern geschnittenen Motive wurde dem 1705 in Amsterdam verlegten Kupferstichwerk Metamophosis insectorum Surinamensium der Maria Sibylla Merian (1647-1717) entnommen. (…) Auf dem spiegelnd weissen Untergrund erinnerten die fremdländischen und einheimischen Blumenbuketts, die Früchte, Schmetterlinge, Insekten, fliegenden Vögel und einige Chinesen an die gleichzeitig so geschätzten Lackmöbel und an europäische Porzellanmalereien, wie sie wenig später von Meißen aus Verbreitung finden sollten.“ (Metken 1978, S. 106)

Beginn der Collagen nach Ferien in Montréal 2016

Die Serie der Fotocollagen habe ich 2016 begonnen, nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in Montréal. Ursprung war also die Erinnerungen so weit wie möglich wach zu halten. Dazu habe ich die Stellen zwischen den Fotofragmenten mit Aquarellstiften bunt bemalt und Texte aus Zeitungen aus Montréal darüber gedruckt. Die Serie habe ich nicht abgeschlossen, sie hat einen verstärkt privaten Charakter, die vielen Fotos warten auf Verarbeitung.

Die riesigen Mengen an Lebensmitteln in großen Geschäften haben mich sehr beeindruckt. Den kanadische Postkasten mit Aufschriften fand ich sehr anziehend. Die Zusammenstellung ist etwas gewagt und die einzelnen Motive passen nicht unbedingt zueinander. Ich wollte den Ablauf eines Tages dokumentieren und da kam viel zusammen. Einkäufe, Spaziergänge durch die Stadt, Essen – manchmal in großen, andermal kleinen Konditoreien.
Es gab in der Zeit meines Aufenthalts zwei wichtige Feiertage: Quebecs Nationalfeiertag am 24. Juni, dem Tag von Johannes der Täufer und der Nationalfeiertag Kanadas am 1. Juli. Es gab viele feierliche Veranstaltungen und ich hatte Spaß daran, die kleinen und großen Dekorationen zu fotografieren. Eine Parade durch das Zentrum der Stadt war am 24. Juni ein Höhepunkt der Veranstaltungen.
Geshoppt habe ich eigentlich wenig, weil ich kein ausreichendes Budget bereit hatte, um Geld auszugeben, aber ich habe mir manche Geschäfte angesehen und mich in den Schaufenstern gespiegelt. Ich kann heute diese Besuche nicht mehr zuordnen, aber ein Reisetagebuch hält das Wesentliche fest. Die Tage vergingen wie im Flug.
Der Atwater-Markt im Zentrum der Stadt hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Fülle an Produkte und die riesigen Mengen an Essen – egal was man eben verspeisen wollte – haben mich auch belustigt. Elegante Souvenir-Läden erinnerten an Frankreich und hatten doch eine eigene Note. Alles Produkte aus der Region, Handarbeiten, Lavendel-Erzeugnisse von Honig über Duftsäckchen bis zum Parfüm.
An einem Tag besuchte ich den Platz des Rathauses und spazierte anschließend im Hafen. Auf dem Rückweg erschloss Montréal seine wirklich nordamerikanische Skyline. Lebendig wie eine große Stadt in Europa und doch Wolkenkratzer der neuen Welt. Im Hafen ging ich an dem weltbekannten Cirque du Soleil entlang. Ein sehr großes Areal besetzten die Zelte und Wohnwagen dieser Artistentruppe.
Sicher spazierte ich an einem Tag durch das Wohnviertel reicher Bewohner von Montréal, Westmount. Sehr verschiedene Villenarchitektur, grüne Flächen, breite Straßen und vor allem keine Zäune. Ein Anliegen ging fast in ein nächstes über, viele Anlehnungen aus der viktorianischen Architektur, aber auch Anklänge der Moderne.
Ganz anders Little Italy, mitten in der Stadt mit den charakteristischen Reihenhäuser mit Aussentreppe. Sehr viel Farbenfreude und lebendiges Treiben in den Läden. Mehr Sinn als sonstwo auf der Insel für urbane Kunst und für unkonventionelle Wohnprojekte.

Immer wieder auch einen Blick in den Himmel über der Stadt – sehr hoch, sehr blau, erfrischend.

Architektur in Collagen

Im vergangenen Jahr habe ich eine Serie mit romanischer Architektur aus Köln in Collagen begonnen. Intressant schien mir, die einzelnen Elemente, die die Romanik ausmachen, aus dem Komplex zu nehmen und in anderer Zusammensetzung im Kontext zu lassen.

Zugleich wollte ich die Umgebung dieser Kirchen festhalten und habe mehrere Elemente aus der Nachbarschaft mit in die Collagen eingebaut. Ein Wochenmarkt mit vielen Blumen bei St. Aposteln, der Rhein bei St. Maria in Lyskirchen, der ehemalige Klosterhof bei Groß St. Martin.

Was man auf jeden Fall sehen kann, ist, dass die Romanik im Rückblick schwer zu Isolieren ist. Sie wurde von späteren Bauphasen verändert und coexistiert mit Gotik, Renaissance und Barock. Es sind spannende Dialoge zweischen Architekturelementen entstanden. Blendbogen, Rundbogenfries, Würfelkapitell, Vierpassfenster, Überfangbogen, Tonnengewölbe, Zwerggalerie und halbrunde Gurtbogen existieren zusammen mit Netzgewölbe, Spitzbogen und Kreuzrippengewölbe.

Die Erstellung der Collagen war eine Gelegenheit, mich an die Kölner Architektur der Romanik zu erinnern, die ich während meines Studiums der Kunstgeschichte an der Universität kennengelernt habe.

Groß St. Martin, Köln, 2019
St. Aposteln, Köln, 2019
St. Maria Lyskirchen, Köln 2019
St. Severin, Köln, 2019
St. Ursula, Köln, 2019

Für eine umfassende Führung durch die 12 romanischen Kirchen Kölns empfehle ich die App von Pausanio: https://pausanio.com/projekt/12-romanische-kirchen/


	

Collage van uitgeknipte prenten

Heute habe ich in verschiedenen Bilddatenbanken der Welt nach Collagen Ausschau gehalten, die ich hier gerne besprechen würde. Die interessantesten und die schönsten sind nicht gemeinfrei, so dass ich mir etwas überlegen muss, um sie trotzdem zu zeigen. Sicher kann ich nur meinen Kommentar hier posten und mit einem Link zur Abbildung schicken. Wäre das aber in Ordnung? Ich weiß es nicht, ich hätte es lieber, wenn ich die Collage auch gleich hier posten könnte.

Bei diesem Anlass habe ich erfahren, dass Collagen nicht erst seit Picasso existieren, sondern schon viel früher erstellt wurden. Über www.europeana.eu habe ich Collagen im Rijksmuseum aus dem Zeitalter des Barock entdeckt. Aus Stichen ausgeschnittene Motive sind auf blauem Papier geklebt und ergeben so neue, sehr dekorative Kompositionen. Die Funktion dieser Blätter kenne ich noch nicht, aber bei www.zvab.com habe ich mir schon ein Buch bestellt, dass in den Metadaten der Bilder als Bibliographie angegeben ist.

Interessant ist die Tatsache, dass die Autorin des bereits bestellten Buches von 1978, „Geschnittenes Papier. Eine Geschichte des Ausschneidens in Europa von 1500 bis heute.“, Sigrid Metken (1928-2016) – laut wikipedia Ethnologin, Kuratorin und Publizistin – zusammen mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker und Reiseschriftsteller Günter Metken (1928-2000), und dem bekannten Kunsthistoriker Werner Spies (*1937) 1975 den Auftrag von der Menil Foundation in Houston/Texas (https://www.menil.org) erhielt, ein mehrbändiges Werkverzeichnis von Max Ernst (1891-1976) zu erarbeiten. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Sigrid_Metken).

Die Fäden laufen so zusammen und ich bin gespannt, was ich noch auf der Suche von Collagen im digitalen und analogen Raum alles entdecken werde. Hier lade ich auf jeden Fall schon mal einige Bilder hoch, von den Collagen des Zeitalters des Barock.

Opnamedatum 2016-02-05
Opnamedatum 2016-02-05
Opnamedatum 2016-02-05

Hier auch der Link zum Rijksmuseum: https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-P-2015-22-18

Die Arbeiten sind aus Papier, 535 x 400 mm, und auf c. 1585-1700 datiert.

Wirre Zeiten

Am 9. und 10. Januar d.J. fand in Wien, in der Österreichischen Galerie Belvedere, eine Tagung unter dem Titel „Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter“ statt. Wie seit Jahren bei solchen Veranstaltungen schon üblich berichteten die Teilnehmer per Twitter von der Tagung und hielten so die Community auf dem Laufenden mit den neuesten Vorträgen zum Thema. Weil die Sprache von Twitter – nach eigener Einschätzung – etwas kryptisch ist, konnte ich mich mehr schlecht als recht über die Tagung informieren. Schlußfolgerung war: entweder man ist dabei, oder man lässt es bleiben, sonst versteht man – wenn überhaupt – nur die Hälfte.

Auf jeden Fall, war einer der Teilnehmer, der twitterte, Max Westphal, @_omwo, und ich versuchte, dem zu folgen. Seinen Beitrag schloss er am 9. Januar, nach dem Vortrag von Prof.Dr. Holger Simon mit dem Satz: „Letztendlich: für mehr Gelassenheit bei der Orientierung im stets wirren digitalen Zeitalter.“ Mir gefiel dieser Satz, der viel über die Zeit aussagt, in der wir uns befinden, und es gelang mir, ihn im Nachhinein auf Twitter wiederzufinden und per Tweet zu sichern.

Er sagt alles, auch über einen Beginn der Anwesenheit im Netz, so wie zum Beispiel mit diesem Blog. Man meldet sich an, man zahlt verschiedene Gebühren, man schreibt hinein in die Leere, oder in einen Raum, in dem potentiell alle anwesend sind und keiner und man versucht, irgendwie mit den Ereignissen auf dem Laufenden zu bleiben und es gelingt nur sehr bedingt. Alles, was man heute unternimmt, muss irgendwie mit dem digitalen Netz in Verbindung sein.

Dabei spielt sich noch sehr viel im analogen Raum ab. Wie beide auf einen Nenner zu bringen, ist ein Rätsel, aber gewiss ist, dass Gelassenheit hilft. Man kann nicht mehr lückenlos alles berücksichtigen, vieles läuft parallel und man erfährt es nur per Zufall. So fand ich es sehr interessant, dass während ich an dem Blog souvenir & papier bastele, in London, an der Royal Academy of Art, eine Ausstellung zu Pikasso und Papier stattfindet. Es sind viele Collagen dabei und andere Schnittarbeiten, die ihn mit Sicherheit faszinierten.

Irgendwie bleiben die wichtigen Themen in der Kunst (wie im Leben) immer die gleichen und trotz des Irrens durch digitale und analoge Räume findet man sie immer wieder neu.

Vom 25. Januar bis 13. April für alle, die Interesse daran haben: https://www.royalacademy.org.uk/exhibition/picasso-and-paper

Eine Papiermühle im Bergischen

Anfang des Jahres 1999 hatte ich mein Magister in Kunstgeschichte an der Universität Köln abgelegt und war auf der Suche nach einer Arbeit. Ich fand eine Stelle als Museumsführerin an einem damals neu eröffneten Papiermuseum in Bergisch Gladbach. Die Papiermühle Alte Dombach ist heute Teil des LVR-Industriemuseums. https://industriemuseum.lvr.de/de/startseite.html Ich arbeitete dort nur kurze Zeit und war seither auch nicht mehr in der Region, aber geblieben ist die Liebe fürs Papierschöpfen.

Ich erinnere mich noch ganz gut an die schön gestalteten Räume der alten Papiermühle und an die Dauerausstellung mit der Geschichte der Papierherstellung. Am liebsten hatte ich natürlich die Schöpfbütte, an der ich selber den Besuchern zeigen konnte, wie man Papier schöpft. Über dieses Verfahren der Papierschöpfung Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Dr. Sabine Schachtner:

„Als Schöpfbütten dienten große runde oder ovale hölzerne Becken, die über eine Frischwasserzuleitung verfügten und häufig beheizbar waren. Über der Bütte lag ein Steg mit dem ‚Esel‘, an den der Schöpfer die Siebe mit den frischen Bögen lehnte. Zum Abtropfen der Formen und als Spritzschutz konnte die Bütte auch mit einem breiten Rand versehen sein. In vielen Papiermühlen gab es einen ‚Schöpfstuhl‘, eine Verbretterung, die vor spritzendem Brei schützte. Der Schöpfer arbeitete Hand in Hand mit dem ‚Gautscher‘, der die Bögen vom Sieb abdrückte (‚abgautschte‘), jeweils mit einem ‚Filz‘ bedeckte und das Sieb zurückgab. Auch der Gautscher stand zum Schutz vor Nässe häufig hinter einer Holzverkleidung, dem ‚Gautschstuhl‘. Bei den Filzen handelte es sich um gerauhte Wolltücher, die durch eine Behandlung mit Pflanzensud vor dem Faulen geschutzt worden waren.“

Schachtner, S.: Die Papiermacherei und ihre Geschichte in Bergisch Gladbach. Bergisch-Gladbach, 1990, S. 18.

Zum Schöpfen von Papier habe ich heute natürlich keine Bütte, sondern eine Wanne und statt Hadern (Stoffreste) ist der Papierbrei aus Zelulose. Aber Sieb und Filztücher sind ähnlich geblieben, auch wenn etwas kleiner – Format DIN A5, und das Verfahren ist auch das Gleiche: Schöpfen, Gautschen, Pressen, Legen. Mich interessiert auch, in der Struktur des Papiers die Zeit, in der es entstand zu dokumentieren. Indem ich Zeitungsreste mit in die Papiermasse mische, bleibt jedes Blatt ein Unikat und kann theoretisch einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Ereignis in der Zeit zugeordnet werden. Zur Zeit arbeite ich Stücke einer chinesischen Zeitung aus dem Jahr 2016 von einem chinesischen Markt in Montréal ein.

So ist das Blatt Papier in seiner Struktur schon eine Collage und dient mir zur Anfertigung von Tusche- und Aquarellarbeiten, wenn ich gerade mal nicht mit Kunstgeschichte beschäftigt bin.

Handgeschöpftes Papier, Zelulose und Zeitung, um 2018.