Manche Kreationen des Couturiers Thierry Mugler, die in München zu sehen sind, erinnern an Hieronymus Bosch

Vor wenigen Wochen besuchte ich in München die Ausstellung über den Modedesigner Thierry Mugler in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Von Montréal (Musée des Beaux Arts) aus und nach einer Station in Rotterdam (Kunsthalle) öffnete die Münchner Ausstellung bereits Ende Mai 2020, sollte bis Ende des Monats August dauern und wurde bis Februar 2021 verlängert. Wer also wegen Corona die Schau noch nicht besichtigen konnte, hat nun einige Monate Zeit, das nachzuholen.

Sehenswert ist die Ausstellung sicherlich in erster Linie wegen den ausgefallenen Kreationen des Designers, die – abgesehen von den überraschenden Schnitten -, ungewöhnliche Materialien wie (Plexi-)Glas, PVC, Kunstpelz, Vinyl, Latex und Chrom zur Schau stellen und aufwendig von der Maison Mugler restauriert wurden. Korsagen aus Autoteilen, wie das Armaturenbrett oder die Kühlhaube berühmter Marken, und metallene Rüstungen mit umgekehrter Funktion eröffnen die Ausstellung.

Die vier Collagen sind aus Bildern von der Münchner Ausstellung erstellt und werden hier mit der freundlichen Genehmigung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung veröffentlicht.

Die Schutzfunktion dieser historischen Bekleidung von Männern, die – um erotische Körperteile ausgeschnitten – auf zierliche Frauen übertragen wird, ist aufgehoben und in ihr Gegenteil verkehrt. Verletzend und gefährlich für die Trägerin wirkt die Bekleidung und ist es auch, wenn man der genauen Beschreibung des Outfits folgt und erfährt, dass ein dünnes Hemd unter der Rüstung angezogen wurde, um Verletzungen den Haut an den Schnittstellen zu vermeiden.

Dieser Beginn wird im Verlauf der Ausstellung wieder aufgenommen und ergänzt in Beispielen von Haute Couture mit Kristallelementen, Splitter, Federn, Schmiedearbeiten und Textil-Applikationen. Von Raum zu Raum findet eine Steigerung der phantasievollen Kleidungsstücke statt, die eher den Körper von berühmten Models zur Geltung bringen, als dass sie ihn verbergen. Zugleich bleibt der Schmerz eine Konstante, die Gefahr – bestehen, sich an dieser Kleidung beim Tragen oder beim sich Nähern zu verletzen.

Höhepunkt der Schau ist der letzte und große Raum, in dem Kleider inspiriert von der Pflanzen- und Insektenwelt ausgestellt sind. Spätestens jetzt wird der Besucher der Ausstellung an Bilder der Renaissance von Hieronymus Bosch (um 1450-1516) erinnert. Das vielleicht bekannteste Werk des Malers – das Triptychon „Der Garten der Lüste“ im Museo del Prado in Madrid – enthält die gleiche latente Gefahr für die nackten Seelen sich an spitzen und scharfen Elementen aus Natur und Kultur zu verletzen. Die riesigen, grotesken Pflanzen und Tiere, zwischen denen Menschen agieren, enthalten – wie bei Thierry Mugler die Modekreationen – das Element des schützenden und gleichzeitig gefährlichen Gehäuses. An mehreren Stellen in seinem postmodernen und im weitesten Sinne textilen Werk, scheint der Modeschöpfer die Fabelwesen des niederländischen Malers zu zitieren und mit den Zitaten die Blüte einer zweischneidigen Lebensfreude heraufzubeschwören.

https://bit.ly/3j4PQer

https://bit.ly/3i1evAs

Hier geht es zur Ausstellung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München

Deutsche Momentaufnahmen im Februar 2020

Der Alltag meiner Blogbeiträge wurden letzte Woche von zwei Ereignissen eingeholt, die einer Momentaufnahme bedürfen.

Das eine betrifft das Land Thüringen, das einen Ministerpräsidenten aus der FDP mit den Stimmen der AfD aufgestellt hat. Der Kandidat namens Thomas Kemmerich ist unter großem Protest von allen Seiten der demokratischen Gesellschaft ein Tag später zurückgetreten. Es werden mit großer Wahrscheinlichkeit Neuwahlen ausgeschrieben werden.

Wie diese Katastrophe zustande kommen konnte, ist mir ein Rätsel, trotz der zahlreichen Stellungnahmen von Politiker, die diesen Sachverhalt zu erklären versuchten. Ein Post auf Twitter von @HolgSimon schien mir interessant, weil es den historischen Aspekt beleuchtete: „Nahezu auf den Tag genau vor 90 Jahren wurde mit der Baum-Frick-Regierung in #Thüringen die erste deutsche Landesregierung unter Beteiligung der NSDAP gewählt. Wie geschichtsvergessen muss man sein. #WehretdenAnfaengen“. Den Post von @ralphruthe habe ich behalten, weil es in der Art der Cartoons eine Sprechblase mit einer Frage an die immer aktuelle IT-Abteilung veröffentlicht: „Hallo, IT-Abteilung? Was mache ich, wenn sich ein altes Programm von selbst wieder startet?“

Das zweite Ereignis ist das sich ausweitende Streitgespräch über die neue Museumsdefinition des ICOM.

Vor einigen Tagen, am 30. Januar 2020, fand in Berlin im Jüdischen Museum eine Debatte zur neuen Museumsdefinition des ICOM statt. Danach erschienen in verschiedenen Medien mehrere Beiträge zum Streitgespräch unter anderem in der FAZ von Patrick Bahners – https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/streit-um-den-museumsbegriff-im-weltverband-der-museen-16613815.html -, in der Die Welt von Marcus Wöller – https://www.welt.de/kultur/kunst/plus205570509/Bunkermentalitaet-Wie-die-deutschen-Museen-den-Anschluss-verlieren.html – und von Anabel Roque Rodríguez im Magazin von thurgaukultur.ch – https://www.thurgaukultur.ch/magazin/wozu-brauchen-wir-heute-noch-museen-4278.

Die alte und aktuelle Definition von Museum stammt von 2007, von der 22. Generalkonferenz des ICOM in Wien und lautet:

„A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.“

Die neue Definition wurde im vergangenen Jahr 2019 in Kyoto (25. ICOM Generalkonferenz) und besagt:

„Museums are democratising, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people.

Museums are not for profit. They are participatory and transparent, and work in active partnership with and for diverse communities to collect, preserve, research, interpret, exhibit, and enhance understandings of the world, aiming to contribute to human dignity and social justice, global equality and planetary wellbeing.“

Es ist offensichtlich, dass die neue Museumsdefinition die tiefgreifenden Veränderungen der Institution „Museum“ berücksichtigt und zukunftsweisend ist. Es bleibt die Frage offen, nach welcher Museumsdefinition sich der Deutsche Museumsbund orientiert hat, als es den neuen Leitfaden „Professionell arbeiten im Museum“ von Ende 2019 herausgebracht hat? Leider unter der bisherigen Adresse – (https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2019/12/dmb-leitfaden-arbeiten-online.pdf) – nicht mehr einsehbar, aber als Echo erwähnt in dem offenen Brief des Bundesverbandes freiberuflicher Kulturwissenschaftler vom 10. Januar 2020 – https://www.b-f-k.de/pdf/pdf2020/protestbrief-dmb-10-01-2020.pdf.

Die nächste Debatte ist für den 20. März 2020 in Hamburg, im Museum der Arbeit angekündigt. Vgl. https://icom-deutschland.de/de/component/content/category/11-veranstaltungen.html