Alter Blog

Ende des vergangenen Jahres wollte mein ehemaliger Blog nicht mehr so richtig öffentlich werden, wie ich wollte. Ich hatte ihn Anfang des Jahres 2020 angefangen und bis Herbst über zehn Beiträge verfasst. Es gab einige Erneuerungen beim Host und bei WordPress und ich war nicht geschickt genug, diese auf meinen Blog zu übertragen. Schließlich fand ich es gar nicht so schlecht, dass der alte Blog nicht mehr auftreten wollte und fand den neuen sogar besser. Ich konnte die Texte retten und publiziere einige unter dieser Seite im neuen Blog.

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Am 27. September 2020

E.H. Gombrich (1909-2001) über die Collage bei Kurt Schwitters (1887-1948)

„Jeder von uns, der alt genug ist, erlebt zu haben, wie aus Gegenwart Vergangenheit wird, weiß, wie sehr sich mit wachsender Erfahrung die Konturen verändern. Das letzte Kapitel dieses Buches enthält ein gutes Beispiel dafür. Während ich die Seiten über Surrealismus schrieb, ahnte ich nicht, dass ein älterer deutscher Emigrant, dessen Werk in der Folge an Bedeutung gewinnen sollte, damals noch im englischen Lake District lebte und arbeitete. Ich spreche von Kurt Schwitters (1887-1948), der damals für mich bloß ein sympathischer Eigenbrötler der zwanziger Jahre war. Schwitters nahm gebrauchte Fahrkarten, Stücke aus alten Zeitungen, Stoff-Fetzen und was ihm sonst an wertlosem Zeug unterkam und machte daraus amüsante und oft auch geschmackvolle Montagen. Seine Weigerung, mit normalen Farben auf normaler Leinwand zu malen, stand im Einklang mit einer extremen Richtung, die in Zürich während des Ersten Weltkrieges entstanden war.“

(Gombrich, E.H., Die Geschichte der Kunst. 16. Auflage, Phaidon Verlag, Berlin 1995, S. 600-601.)

Kurt Schwitters, Unsichtbare Tinte, 1947, Collage auf Papier, 25,1 x 19,8 cm. Im Nachlass des Künstlers. In: Gombrich, Die Geschichte der Kunst, a.a.O., S. 601, Abb. 392.

Im Folgenden schreibt der Kunsthistoriker über die Dada-Bewegung, deren Künstler danach strebten, „zu werden wie die Kinder“ und „Gleichzeitig machte es ihnen auch Spaß, den feierlichen Kult, der mit der Kunst getrieben wird, zu persiflieren.“ Der kohärente Diskurs eines traditionellen Gemäldes wird in einzelnen „Satzteilen“ gegliedert und neu zusammengestellt. „Unsichtbare Tinte“ wird dieses Bild genannt, nach den aus einer Zeitung herausgeschnittenen und an prominenter Stelle auf der bidimensionalen Fläche geklebtes Fragment. Zerstückelte Fahrkarten, farbiges und vergilbtes Papier, Werbung, und weitere Zeitungsausschnitte formen eine Komposition, die von Harmonie nicht frei ist, die jedoch, als sie entstand, mit Sicherheit als „extrem“ angesehen wurde. So verschmiert, überschrieben und unvollständig, konnte ein Kunstwerk keinen Zugang in ein Museum finden. Dem Kunsthistoriker erschien es zu Recht „paradox“die „Hervorbringungen (dieser Kunst, m.A.) mit demselben tierischen Ernst zu behandeln, gegen den sie aufbegehrten.“

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Am 23. August 2020

Manche Kreationen des Couturiers Thierry Mugler, die in München zu sehen sind, erinnern an Hieronymus Bosch

Vor wenigen Wochen besuchte ich in München die Ausstellung über den Modedesigner Thierry Mugler in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Von Montréal (Musée des Beaux Arts) aus und nach einer Station in Rotterdam (Kunsthalle) öffnete die Münchner Ausstellung bereits Ende Mai 2020, sollte bis Ende des Monats August dauern und wurde bis Februar 2021 verlängert. Wer also wegen Corona die Schau noch nicht besichtigen konnte, hat nun einige Monate Zeit, das nachzuholen.

Sehenswert ist die Ausstellung sicherlich in erster Linie wegen den ausgefallenen Kreationen des Designers, die – abgesehen von den überraschenden Schnitten -, ungewöhnliche Materialien wie (Plexi-)Glas, PVC, Kunstpelz, Vinyl, Latex und Chrom zur Schau stellen und aufwendig von der Maison Mugler restauriert wurden. Korsagen aus Autoteilen, wie das Armaturenbrett oder die Kühlhaube berühmter Marken, und metallene Rüstungen mit umgekehrter Funktion eröffnen die Ausstellung.

Die Schutzfunktion dieser historischen Bekleidung von Männern, die – um erotische Körperteile ausgeschnitten – auf zierliche Frauen übertragen wird, ist aufgehoben und in ihr Gegenteil verkehrt. Verletzend und gefährlich für die Trägerin wirkt die Bekleidung und ist es auch, wenn man der genauen Beschreibung des Outfits folgt und erfährt, dass ein dünnes Hemd unter der Rüstung angezogen wurde, um Verletzungen den Haut an den Schnittstellen zu vermeiden.

Dieser Beginn wird im Verlauf der Ausstellung wieder aufgenommen und ergänzt in Beispielen von Haute Couture mit Kristallelementen, Splitter, Federn, Schmiedearbeiten und Textil-Applikationen. Von Raum zu Raum findet eine Steigerung der phantasievollen Kleidungsstücke statt, die eher den Körper von berühmten Models zur Geltung bringen, als dass sie ihn verbergen. Zugleich bleibt der Schmerz eine Konstante, die Gefahr – bestehen, sich an dieser Kleidung beim Tragen oder beim sich Nähern zu verletzen.

Höhepunkt der Schau ist der letzte und große Raum, in dem Kleider inspiriert von der Pflanzen- und Insektenwelt ausgestellt sind. Spätestens jetzt wird der Besucher der Ausstellung an Bilder der Renaissance von Hieronymus Bosch (um 1450-1516) erinnert. Das vielleicht bekannteste Werk des Malers – das Triptychon „Der Garten der Lüste“ im Museo del Prado in Madrid – enthält die gleiche latente Gefahr für die nackten Seelen sich an spitzen und scharfen Elementen aus Natur und Kultur zu verletzen. Die riesigen, grotesken Pflanzen und Tiere, zwischen denen Menschen agieren, enthalten – wie bei Thierry Mugler die Modekreationen – das Element des schützenden und gleichzeitig gefährlichen Gehäuses. An mehreren Stellen in seinem postmodernen und im weitesten Sinne textilen Werk, scheint der Modeschöpfer die Fabelwesen des niederländischen Malers zu zitieren und mit den Zitaten die Blüte einer zweischneidigen Lebensfreude heraufzubeschwören.

Die vier Collagen sind aus Bildern von der Münchner Ausstellung erstellt und werden hier mit der freundlichen Genehmigung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung veröffentlicht.

Hier geht es zur Ausstellung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München:

https://www.kunsthalle-muc.de/ausstellungen/details/mugler/

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Am 29. März 2020

In Zeiten der Coronakrise…

bin ich nicht mehr dazugekommen, neue Beiträge zu erstellen. Es ist im Moment so viel in den sozialen Medien los und man hat alle Hände voll zu tun, um informiert zu bleiben. Es ändert sich viel in der digitalen Welt und die Neuerungen bei den Museen vor allem sind beträchtlich.

Ich habe eine Collage (1922) von László Moholy-Nagy (1895-1946), die mir interessant schien, von Wikimedia Commons kopiert. Ich habe nicht alle Informationen zu dem Bild, aber es ist offensichtlich zum Thema der deutschen Inflation von 1914 bis 1923 entstanden. Eine aufmerksame Betrachtung lohnt sich, um den Diskurs des Autors zu verfolgen.

László Moholy-Nagy, 25 Bankruptcy Vultures, Collage auf Papier, 30 x 23 cm, 1922, The Vera and Arturo Schwarz Collection of Dada and Surrealist Art, the Israel Museum, Jerusalem

Der Künstler hat auf einem schwarz-weißen Hintergrund Fragmente von wertlosem Papiergeld zusammengestellt. Die Worte „Mark“, „Milliarden“, „Tausend“, „ohne“, Million“, „Geld“, „Reichsba(nk)“und die Zahl „25“ sind deutlich erkennbar. Der Kopf und die Krallen eines Greifvogels (Adler) treten in der oberen Hälfte zum Vorschein als eiziges figuratives Element. Sie überschneiden die schwarze Silhoutte eines Mannes mit Hut, der aus der unteren Hälfte des Bildes herauschgeschnitten und seitenverkehrt angebracht zu sein scheint. An der Schulter der weißen Figur – ein kleiner, grauer Vogel im freien Fall. Eine Architekturplastik in schwarz-weiß ergänzt in der rechten oberen Hälfte die geometrische Anordnung einiger Wörter. Es ist das einzige „Gewicht“ der Collage. Wie Flicken eines Kleidungsstücks bedecken die Fragmente mit der Zahl „25“ den Mantel des dunklen Mannes und fallen über die helle Silhoutte zum unteren Rand des Bildes. Die detaillose, schwarze Umrissfigur auf weißem Hintergrund bringt ein geheimnisvolles und zugleich bedrohliches Element in die Komposition. Ein Händler vielleicht auf dem Schwarzmarkt von damals? Auf jeden Fall bringt seine Position mit der Schwere oberhalb der leichteren, weißen (und zugleich leeren) Figur das Gleichgewicht des Ganzen ins Schwanken. Nichts scheint die Ausschnitte zusammen bringen zu können, nichts die Flüchtigkeit und damit die Unsicherheit in diesem Bild aufzuhalten.